Von der Vergangenheit überholt

Seit so vielen Jahren komme ich nicht über die Trennung meines damaligen Partner hinweg. Ich komme nicht darüber hinweg, dass er ging. Dass er bereits eine andere Frau hatte. Dass es kein Zurück gab. Ich komme nicht darüber hinweg. Manchmal ist ein paar Tage Ruhe in meiner Seele. Dann kommt irgendwas, was mich daran erinnert und alles kommt hoch. Mir wird schlecht, ich zittere, schlucke Tränen. Atme. Wie machen andere Menschen das? Ich bin nicht der Mensch, der sich mit anderen Menschen tröstet. Um so mehr schmerzt es, dass der ehemalige Partner voranschreitet. Geheiratet hat. Nun – obwohl ich es wirklich, wirklich, wirklich nicht wissen wollte, höre ich, dass sie zusammen ein Haus gekauft haben. Ich könnte kotzen. Allem voran daürber, dass ich so, so neidisch bin. All das wollte ich mit ihm leben. Ich fühle mich so … so…. überholt. Wie auf der Autobahn. Fühle mich, als tuckel ich mit 12 kmh in der letzten Schrottkarre über die Autobahn, egal wieviel Gas ich gebe, schneller wirds nicht. Und dann kommt da von hinten links der Sportwagen vorbeigeschossen…. Cabrio … laute Musik, lachende Menschen, Sonnenschein, blondes Haar im Wind …. und zisch …. am mir vorbei … mein ganzes Leben lang hab ich den Eindruck, die Menschen überholen mich …. es ist ein schreckliches Gefühl …. höre Enrique Iglesias „I will survive“ in der Dauerschleife, um den Schmerz zu betäuben, irgendwie durch die Nacht zu kommen …

Es macht mich so wütend und gleichzeitig tut es so weh, zu sehen, dass ich allein zuhause sitze, während der andere voranschreitet. Nicht hadert, nicht zurückschaut. Nicht trauert … einfach lebt und Dinge aufbaut. Und ich – sitze allein in meiner Wohnung. Schäme mich. Krümme mich zusammen, wenn andere wieder und wieder sagen – was – trauerst Du da immer noch?!
Einsam. Immer wieder einsam. Mit jedem Tag einsamer.

Kommt mir nicht mit „Na dann leb doch Dein Leben“ … das versuch ich seit Jahren. Mit neuer Partnerschaft (hat nicht geholfen), mit Hobby, Aktivitäten und und und. Mit Trauer zulassen. Therapie. EFT. Affirmationen. Homöopathie. Ich kanns nicht mehr zählen.

Und alles nur, um nicht spüren zu müssen, dass ich verloren habe. Überholt wurde. Jemand anderer all das lebt.

Was tun?

Wie kommt man raus aus einer Depression?

Ich fühl mich depressiv. Deprimiert. Nun kommt die Weihnachtszeit, alle Leute hetzen durch den Tag. Heute Abend ging ich durch die Straßen und schaute in die Fenster der Häuser. Ich sah kleine Lichter in den Bäumen. Hunderte Birnchen, die Menschen in die Äste drapiert hatten. Ich sah einen Adventkranz so groß wie ein Wagenrad, er hing an rotem breiten Seidenband an der Decke über dem Tisch und drei Kerzen brannten. Und ich dachte, warum mache ich sowas nicht? Ich sah einen Vater mit seinem kleinen Kind am großen Tisch sitzen. Der Kindersitz stand an einer Haustür aus Glas. Ich sah keine Mutter. Sagen wir, sie stand in der Küche. Ich sah ein Haus mit bunten Lichtern, die die Häuserwand von Außen beleuchteten. Und inmitten all dem Schönen mein Gedanke – ich habe keine eigene Familie. Wenn ich nach Hause komme, wohnt da niemand. Außer mir.

Niemand, mit dem ich eine Familie sein kann. Der mich begrüßt. Oder den ich fragen kann, möchtest du auch einen Tee? Was kochen wir Heiligabend? Und wen laden wir ein? Niemand, der auch da ist, wenn ich traurig bin. Und ich bin oft traurig. Niemand, der mich in den Arm nimmt. Und meine Depression gleich mit. Niemand, der mich mit all dem liebt. Und den auch ich so lieben kann, Niemand, bei dem ich denken kann, mit dir möchte ich alte werden. Niemand, von dem ich weiß, dass wir uns beide in den Arm nehmen möchten.

Es holt mich immer wieder ein, dass ich keine eigene Familie habe. Nie geheiratet habe. Fühle mich als Außenseiter. Obwohl meine Partnerschaften länger hielten als manche Ehe. Und doch – wenn die Frage kommt – hast Du Kinder? Bist Du verheiratet – und man beantwortet beides mit Nein – dann wird man seltsam angesehen. Mitleidig. Argwöhnlisch. Die Leute fragen sich – was stimmt mit dem Menschen nicht? Man wird nicht so ernst genommen. Die Leute denken, man könnte nicht mitreden bei den wesentlichen Themen des Lebens. Das tut weh. Und deprimiert.

Deprimiert war ich auch, seit ich letzte Woche erfuhr, dass meine Arbeitsstelle abgerissen wird. Einfach so. Es ist unklar, wohin ich versetzt werde. Mit wem als Arbeitsteam. Alles, was ich die letzten drei Jahre aufbaute -umsonst. Weg gerissen. So fühlt es sich an. Das ist doch mein Fundament, was ich da aufgebaut habe. Eine Gewohnheit. Mein Alltag. Zack. Einfach weg. Das hat mich umgehauen. War das ganze Wochenende kaum ansprechbar. Gestern kam ich dann noch mit dem Rad in ein Gewitter. Das war zuviel. Hab geweint, bin nach Hause gefahren, Tür aufgeschlossen, alles in die Ecke geschmissen, ins Bett und die Decke über den Kopf. Verzweifelt. Und allein.

Nun frag ich mich – wie umgehen mit der Überforderung, der Trauer, der gesamten Erschöpfung aus langer Zeit? Mit der kommenden VERÄNDERUNG? Dem VERLUST des grade mal aufgebauten Berufalltag an der neuen Stelle? Ich bin keine 20 mehr und brauchte Stabilität. Ich brauche Sicherheit, ein Fundament, ein Wissen, dass das, was gestern da war auch morgen da ist. Zumindest im Wesentlichen.

Die letzte Zeit sage ich Verabredungen mit Freunden ab, entweder, weil ich krank bin oder weil ich erschöpft bin. Weil es mir zuviel ist. Will nur noch nach Hause und einen ruhigen Abend. Zeitgleich fühl ich mich einsam, isoliert. Darf mich nicht fallen lassen lassen. Niemand da, der mich auffängt.

Piep

Ich muss Euch mal eben scheiben, damit Ihr wisst, dass es mich gibt 🙂

Was ist in der Zwischenzeit passiert. Ich hab mich von A getrennt. Wir sind jetzt, nach ein paar Wochen, in Kontakt. Weil wir uns gut verstehen. Ich habe gesagt, es geht nicht darum, dass wir da was straight durchziehen. Es geht darum, zu schauen, was geht. Und was nicht. Für jeden von uns. In echt.

So wie es war, ging es nicht. Deshalb kamen wir dahin, wo wir waren. Also macht es keinen Sinn, den Weg nochmal oder weiter zu gehen. Es muss ein neuer Weg her. Wir treffen uns. Aber nur, wenn wir das wirklich wollen. Beide. Und wenn es was gibt, was wir zusammen machen möchten. Also Quality Time. Das Wort fand ich früher blöd. Find ich immer noch. Aber grad ist es so am schnellsten zu beschreiben.

Es war halt so, dass wir so eine Zeit kaum noch hatten. Da war wenig Wertschätzung für die gemeinsame Zeit. Zumindest aus meiner Sicht. Und DAS will ich nicht mehr. Mach ich nicht mehr. Gilt übrigens nicht nur für A. Das gilt für alle Leute.

Und wir fahren demnächst mal in Urlaub. Genau genommen fahre ich in Urlaub. So, wie ich das schon lange mal machen wollte. Und A konnte überlegen, ob er mit macht. Ohne Diskussionen. Ohne Spaßbremse. Ja. Oder Nein. Ende. Und er hat ja gesagt. Für die Zeit da haben wir einen guten Kompromiss für Beide gefunden. Konstruktiv.

Die Kunst wird sein, da nicht wieder in die alten Rollen zu fallen. Das sage ich ihm öfter. Denn wenn es nach ihm ginge, wäre das schön längst wieder der Fall. Dass alles so weiter läuft wie vorher. Ich muss aufpassen. Und das tue ich. In den Momenten sag ich ihm das auch. Ich versuche wirklich, authentisch zu sein. Fühlen – Sagen. Punkt.

Natürlich in einem angemessenen Ton. Nicht respektlos oder so.

Ich bin ja auch froh, dass er mitfährt. Alleine Urlaub machen ist nicht schön. Da kann man keine Freude teilen. Das ist mir aber wichtig.

So.

Das wars jetzt erstmal.

Gute Nacht in die Welt.
Möge ein winziges Licht des Friedens in alle Teile der Welt hinaus leuchten

Wie macht Ihr das?

Hab ich schon mal erwähnt, wie schwer es mir fällt, wirklich authentisch zu schreiben, was so ist und wie’s mir geht?

Wie macht Ihr das? Einfach reinhauen in die Tasten? Ich kann nicht genau sagen, wovor ich da Angst hab. Davor, gesehen zu werden? Man schreibt doch, d a m i t die Gedanken, Gefühle, das was ist mal gesehen wird. Damit mal Luft an das Ganze kommt. Die Seele durchatmen kann. Und dann freut man sich, wenn andere Menschen aus dem Off antworten. Dass sie verstehen. Manches ihnen bekannt vorkommt. Und dann hat man das Gefühl, man ist nicht mehr allein am Sternenhimmel. Plötzlich flackert da noch ein Licht. Und noch eins. Und noch eins. Und auf einmal sind da viele. Und man dachte die ganze Zeit, man ist allein. Im Dunkeln. Und findet sich wieder – im Sternenzelt!

Ja vielleicht sogar in einer ganzen Galaxie.!

Man fühlt sich verbunden, wie eine Familie mit all den kleinen und großen Sternen am gleichen Himmel und endlich, endlich leuchten alle und alle wissen mit einem mal – hier ist niemand mehr allein 🙂